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29.04.2022

Mit gegenseitigem Vertrauen und gelungener Kommunikation gewaltfrei erziehen

Am 30. April ist „Tag der gewaltfreien Erziehung“: Grund genug einmal mit Expertin Anne-Kathrin Hoelzmann aus der Familienberatung zu erörtern, was unter gewaltfreier Erziehung zu verstehen ist und wie diese gelingen kann.

Diplom-Psychologin Anne-Kathrin Hoelzmann leitet das Immanuel Beratungszentrum Marzahn, das psychologische Beratung in Erziehungs- und Familienfragen anbietet. Im Interview erzählt sie, wie eine gewaltfreie Erziehung gelingen kann, wann Gewalt in der Erziehung beginnt und wie wichtig ein vertrauensvoller Umgang in der Eltern-Kind-Beziehung ist.

Was versteht man unter gewaltfreier Erziehung?

Gewaltfreie Erziehung ist eine Erziehung, die auf der Basis von gegenseitigem Vertrauen basiert. Wir kennen alle den Satz „Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser.“ In der gewaltfreien Erziehung geht es um den Aufbau von Vertrauen. Dieses Vertrauen entsteht, wenn das Gegenüber Interesse hat, mich, meine Art zu reagieren und meine Emotionen zu verstehen. Mich anzunehmen, so wie ich bin. Der Aufbau von Vertrauen ist unabdingbar für ein gelingendes Miteinander zwischen Eltern und Kind und generell zwischen Menschen. Der Elternteil, der seinem Kind seine eigenen Gefühle mitteilt, gibt Vertrauen: „Weißt Du, wenn Du mich anschreist, …verletzt mich das …was hat Dich so zornig gemacht?“ anstelle von „Wenn Du mich nochmal anschreist, gibt es Fernsehverbot!“

Wie kann gewaltfreie Erziehung gelingen?

Durch gemeinsame Zeit, Rituale, verlässliche Regeln, klare Grenzen, kleine Aufgaben, die Ihr Kind bewältigen kann und durch die Ihr Kind stolz ist, eingebunden zu sein. Durch sich Zuhören und sich gegenseitig verstehen wollen, ist man auf einem guten Weg, sich gewaltfrei zu begegnen. Das abendliche Vorlesen einer Geschichte und die ungeteilte Aufmerksamkeit, indem Sie beispielsweise einmal alle Ihre technischen Geräte weglegen, schaffen Sie Zeit füreinander. Vertrauen kann durch den Verzicht von Strafen und dafür durch liebevolles Nachfragen, Zuhören und Verständnis entstehen. „F. hat Dich geärgert und deshalb hast Du so geschrien…?“ anstelle von „Weil Du so geschrien hast, gehst Du jetzt ins Bett…“ oder „Ich verstehe, dass du noch gern aufbleiben möchtest, jetzt ist deine Bettzeit und Mama/Papa möchten noch einen Moment für sich sein“ anstelle von „Weil Du immer noch hier rum rennst, darfst du morgen nicht zu....“. Je verständnisvoller wir sein können, desto sicherer kann sich unser Kind mit uns fühlen.

Wo beginnt psychische oder physische Gewalt?

Gewalt beginnt bekanntlich im Kleinen: ein strafender Blick, ein verächtliches Zischen, Liebesentzug durch Nichtachtung, Androhung von Strafen, Anschreien oder Schlagen. Auch wenn wir unser Kind auslachen oder zu etwas zwingen, ist das eine Form der Gewalt. Wir alle müssen täglich mit unserer eigenen Gewaltbereitschaft umgehen und sie steuern lernen.

Bestrafen wird immer noch häufig verwechselt mit Erziehen. Bestrafung zerstört jedoch Vertrauen und bedeutet immer eine Demütigung für das Kind. Bestrafen ist ein Gewaltakt, der dem anderen kein Verständnis gegenüber bringt. Jeder Klaps ist einer zu viel. Das geschädigte Vertrauen kann mühsam nur wieder hergestellt werden.

Kinder können mit Liebe auch erstickt werden, das kann gleichfalls eine Form von Gewalt darstellen. Wenn Eltern es nicht aushalten, dass ihr Kind wütend oder schlecht gelaunt ist, versuchen sie das zu verhindern, indem sie ihm sogleich jeden Wunsch gewähren. Das Kind wird immer weniger in der Lage sein, ein „Nein“ auszuhalten. Wenn das Kind lernen kann, auch unangenehme Gefühle auszuhalten, wird es ihm leichter fallen, schwierige Situationen zu meistern.

Wie können Erwachsene Gewalttätigkeit überwinden?

Gewalttätigkeit hat Ursachen, die man überwinden kann. Eltern, die gewalttätig sind, sind möglicherweise überfordert, haben womöglich Wut auf die eigenen Eltern, wissen nicht, wie man nicht gewalttätig agieren soll oder fühlen sich vom eigenen Kind so provoziert, dass sie für sich keinen anderen Ausweg sehen als den der Gewalt.

Es ist sehr wichtig, in einem ersten Schritt sich selbst die Ursachen für gewalttätiges Handeln bewusst zu machen, dann kann man sein Verhalten auch ändern. Hier kann eine professionelle Beratung Sie sehr unterstützen. Die professionellen Beraterinnen und Berater können Sie unterstützen, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen. Wichtig ist, die Scham zu überwinden und sich Hilfe zu holen. Man muss das nicht alleine hinbekommen.

Welche Tipps geben Sie Erwachsenen für eine gewaltfreie Erziehung?

Eltern tun in der Regel alles dafür, dass es ihrem Kind gut geht. Nicht immer gelingt dies so, wie wir uns das vorstellen. Zuallererst rate ich Eltern, sich mit anderen auszutauschen. Es hilft auch, sich zu fragen: „Was war mit mir los, was brauche ich, damit ich auf Gewalt verzichten kann?“.
Jeden Tag können wir uns aufs Neue entscheiden! Schreie ich oder versuche ich, gewaltfrei zu agieren, z.B. kann ich fragen: „Sag mal, was macht es dir so schwer deine Schuhe anzuziehen?“ (Verständnisfrage) oder „Kann ich dir helfen?“ (Unterstützungsangebot) oder „Ich weiß, dass Du das kannst!“ (Ermutigung) oder „Ach, ich bin so fertig, jetzt ziehe Dir doch diese Schuhe an! (Hier zeige ich dem Kind mein eigenes Gefühl, werbe um sein Verständnis). Wenn wir uns also immer wieder in unser Kind hineinversetzen, verstehen wir vielleicht besser, weshalb es wie reagiert. Je gewalttätiger wir sind (z.B. durch Schreien), desto weniger kann unser Kind (auf) uns hören, desto gewalttätiger werden wir womöglich…ein Teufelskreis.

Wir sollten uns immer dessen bewusst sein, dass wir als Erwachsene mehr Macht haben und das Kind uns stets „ausgeliefert“ ist. Es kann nicht von uns weggehen. Es braucht uns zu 100 Prozent. Mit diesem Wissen haben wir eine große Verantwortung und Pflicht, behutsam mit unserer Macht umzugehen.

Sagen Sie sich: „Wenn ich einen Gewaltimpuls verspüre, nehme ich ihn wahr und halte inne – wie kann ich reagieren, dass mein Kind sich verstanden fühlt!“. Je mehr Sie lernen Ihre eigenen Gefühle zu benennen, desto leichter wird Ihnen das fallen.

Warum spielen Regeln in der gewaltfreien Erziehung eine entscheidende Rolle?

Kindern muss man erklären, dass es Regeln gibt, die eingehalten werden müssen. Mit Geduld und Übung gelingt das Einhalten von Regeln nach ersten Anfangsschwierigkeiten eigentlich gut. Es darf auch eine Ausnahme geben, aber grundsätzlich sind Regeln nicht diskutabel, außer die Familie merkt, dass diese Regeln überfordern, unterfordern oder zu streng sind, dann müssen sie angepasst werden.
Manche Eltern geben keine Grenzen aus Angst, dass ihr Kind sie dann nicht mehr liebt. Das hilft Ihrem Kind nicht. Ein Kind braucht immer eine Orientierung, um sich geborgen und beschützt zu fühlen. Also Grenzen, die ein Kind versteht, sind völlig in Ordnung. Und Ihr Kind, muss Sie als Eltern auch mal „blöd“ finden dürfen, das ist nichts gegen Sie. Das sind normale Prozesse, die zu einer gesunden Eltern-Kind-Beziehung dazugehören.

Entscheidend zum Gelingen der Regeln ist, dass sie kind- und altersgerecht sind. Sie müssen verlässlich und auch umsetzbar sein.

Wo können Familien sich Hilfe holen?

Eltern können sich jederzeit in einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle (EFB) anmelden, die gibt es in jedem Berliner Bezirk. Immanuel Beratung hat diese Beratungsstellen in Marzahn, Lichtenberg, Pankow und Reinickendorf. Meist kommen Eltern oder ein Elternteil zunächst alleine und später gegebenenfalls auch mit dem Kind zur Beratung. Manche Fragen lassen sich gut ohne Ihr Kind klären. Aber auch die vom Arbeitskreis Neue Erziehung herausgegebenen Elternbriefe sind sehr gut und informativ.

Wie wichtig ist die Sensibilisierung von Erwachsenen für eine gewaltfreie Erziehung?

Es hilft, wenn wir verstehen, dass viele scheinbar harmlose Sätze auch schon gewalttätig sein können wie: „Mein Gott, so doof kann man doch gar nicht sein!“ oder „Also, Lisa von nebenan kann das viel besser!“ Ein Kind fühlt sich nach solchen Sätzen eben doof, ungeschickt, nicht ermutigt, beziehungsweise fühlt sich nach einem Vergleich nur klein, schlecht und ungeliebt. Auch Drohungen wie „wenn… dann…“ erwecken Angst und verstärken das Gefühl von Unsicherheit. Derlei Sätze sind entwertend und bieten keine Basis, um Vertrauen aufzubauen.

Es ist generell notwendig, in unserer Gesellschaft viel mehr Wert auf die Vermittlung von gelungener und wertschätzender Kommunikation zu legen. Aus unserer Sicht in der Beratung von Familien liegen die Hauptursachen für Konflikte, Streit und Gewalt in einer gestörten Kommunikation und einer mangelnden Kenntnis darüber, zunächst meine eigenen Bedürfnisse selbst wahrzunehmen, diese in einem zweiten Schritt dem anderen zu vermitteln und dabei auch Verständnis für die Bedürfnisse meines Gegenüber empfinden zu können. All das hat viel mit dem Einfühlungsvermögen zu tun, in sich selbst und in andere. Eine gelungene Kommunikation hilft uns, unsere Wünsche und Bedürfnisse formulieren zu können. So können wir verstehen, was wir selbst brauchen und was unser Gegenüber benötigt. Ein offener, verständnisvoller Umgang miteinander führt viel weiter als ein Klima der Kontrolle, der Entwertung und der Angst.

Vielen Dank für das Interview.

 
 
 
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