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18.12.2018

„Geflüchtete Jugendliche müssen hohe Anforderungen erfüllen“

Zum Internationalen Tag der Migranten am 18. Dezember blickt Leiterin Johanna Hess zurück auf zweieinhalb Jahre Wohnprojekt Neufugium für geflüchtete Minderjährige und erklärt, warum die Einrichtung schließen musste.
Johanna Hess - Leitung - Wohnprojekt Neufugium - minderjährige Geflüchtete - Immanuel Beratung

Johanna Hess, ehemalige Leiterin des Wohnprojekts Neufugium, im Interview über Chancen und Hürden für gelüchtete Jugendliche.

Insgesamt 13 minderjährige geflüchtete Jugendliche aus Syrien, Afghanistan, Ghana, Somalia und dem Iran lebten zwischen April 2016 und August 2018 in einer betreuten Wohngemeinschaft auf dem Gelände der Baptistengemeinde Schöneberg. Unter dem Namen „Neufugium“ bot die Einrichtung in der Trägerschaft von Beratung + Leben den 15- bis 18-Jährigen ein Zuhause und ein großes Netzwerk an professioneller und ehrenamtlicher Unterstützung. Zeitgleich lebten zehn von den Jugendämtern vermittelte Jugendliche in der Unterkunft. Aufgrund einer veränderten Flüchtlingspolitik sank die Nachfrage nach betreuten Wohnplätzen für Minderjährige, so dass Beratung + Leben die sehr erfolgreich geführte Einrichtung schließen musste. Zum Internationalen Tag der Migranten am 18. Dezember blickt die ehemalige Leiterin Johanna Hess auf zweieinhalb Jahre Neufugium zurück und zieht Bilanz.

Frau Hess, wie kam es zu der Idee, dass Beratung + Leben, eine Tochtergesellschaft der Immanuel Diakonie, eine Wohngemeinschaft für Geflüchtete eröffnet?

Johanna Hess: Als 2015 viele Geflüchtete nach Deutschland kamen, wollte die Baptistengemeinde Schöneberg etwas für sie tun. Sie hatte ein Hostelgebäude auf ihrem Gelände und suchte einen Träger, der dort eine professionelle Flüchtlingshilfe anbieten kann. Beratung + Leben hat ein Konzept für minderjährige Geflüchtete erarbeitet und mit dem Senat einen Trägervertrag abgeschlossen.

Wer hat sich um die Jugendlichen gekümmert, war die Gemeinde involviert?

Johanna Hess: Die professionelle Begleitung haben wir als ein Team von sechs Pädagoginnen und Pädagogen sowie einer Hauswirtschaftskraft geleistet. Wir hatten das Glück, ganz besonders engagierte Mitarbeitende zu haben. Hinzu kam ein großes Netzwerk mit vielen Ressourcen. Die Beratungsstellen von Beratung + Leben standen uns zur Seite, mit den Jugendämtern haben wir sehr gut zusammengearbeitet und auch die Nachbarn haben eine große Rolle gespielt. Die Baptistengemeinde hat eine Arbeitsgemeinschaft gegründet, die rund 50 Gemeindemitglieder gewinnen konnte, die uns mit Finanz- und Zeitspenden unterstützt haben. Wir konnten die Räume der Gemeinde für Feiern und Workshops nutzen. Wenn die Jugendlichen etwas brauchten, das über das Budget hinausging, haben die Ehrenamtlichen geholfen. Das konnten Klassenfahrten sein oder Schuhe oder einmal auch ein Instrument. Ein Jugendlicher wollte gern ein traditionelles kurdisches Instrument spielen. Das konnten wir dank des Netzwerks ermöglichen.

Die stets positive und zugewandte große Mithilfe aller Beteiligten hat mich sehr beeindruckt. Das war sehr stärkend. Dadurch konnten wir eine hohe Qualität in unserer Arbeit erzeugen und einen sehr guten Leumund gewinnen.

Wie kamen die Jugendlichen zurecht? Sie hatten ja traumatische Erfahrungen hinter sich.

Johanna Hess: Ich glaube eine Fluchtbiografie ohne Traumatisierung ist nicht möglich. Und neben der Tatsache, dass unsere Jugendlichen ganz normale Jugendliche waren mit den üblichen Themen Pubertierender, hatten sie darüber hinaus auch die Herausforderungen geflüchteter Menschen zu bewältigen. Sie mussten hohen Anforderungen gerecht werden: die Sprache lernen, Deutschtests bestehen, sich im Asylverfahren zurechtfinden mit lauter Formularen auf Deutsch, ihren Schulabschluss machen, zu fremden Menschen soziale Beziehungen aufbauen und auch innerlich zur Ruhe kommen nach der Flucht. Das hat sie oft sehr erschöpft. Hinzu kommt, dass diese Jugendlichen ihr Elternhaus sehr früh verlassen haben. Viele haben noch nicht die Stärke und auch die Sicherheit, sich in einer ganz fremden Kultur bewegen zu können, und das merkt man. Die Jugendlichen waren oft unsicher, hatten Ängste und natürlich auch Sehnsucht nach ihren Familien. Es gab viel Trauer und emotionale Belastung, alle waren traumatisiert. Deshalb haben wir vornehmlich traumapädagogisch mit den Jugendlichen gearbeitet.

Stichwort Integration, wie gut sind die Jugendlichen in der deutschen Kultur angekommen und welchen Vorurteilen sind sie möglicherweise begegnet?

Johanna Hess: Das, was Geflüchteten oft stereotyp zugeschrieben wird, haben wir mit unseren Jugendlichen kaum erlebt. Im Gegenteil. Sobald sie nach Berlin kamen, haben sie überlegt: Was kann ich hier machen, um deutsch zu sein, um hier teilzunehmen. Und gleichzeitig erlebten sie sich immer wieder als Stigmatisierte durch die Zuschreibung des Flüchtlingsstatus. Ich wünsche mir, dass wir von den stereotypen Zuschreibungen an Geflüchtete wegkommen, dass man nicht immer nur sagt, das ist ein Geflüchteter, sondern das ist Ali, der neben seiner Fluchtgeschichte auch zu der Gruppe der musisch Begabten gehört, der gerne pünktlich aufsteht und im Fußballverein in Steglitz spielt.

Ein Schlüsselmoment für mich war, dass ich anfangs dachte, ich müsste den Jugendlichen deutsche Gepflogenheiten näher bringen. Es ging mir dabei auch um das Verhalten im öffentlichen Raum, und dafür habe ich eine Polizistin zu einem Workshop eingeladen, um die Jugendlichen darüber zu informieren, was man in Deutschland darf und was nicht. Aber ganz schnell änderte sich die Veranstaltung dahingehend, dass die Jugendlichen wissen wollten, wie sie sich verhalten sollten, wenn sie selbst Opfer von Straftaten werden. Sie hatten Angst davor und haben es auch erlebt, dass sie in Gefahr gerieten. Aber sie hatten auch Angst, die Polizei zu rufen, weil sie im Zweifelsfall nicht selbst eine Anzeige bekommen wollten. Das kann sich im Asylverfahren unter Umständen negativ auswirken.

Wie ist es den Jugendlichen in der Schule ergangen?

Johann Hess: Die Schullaufbahnen waren sehr unterschiedlich. In der Regel waren unsere Jugendlichen zunächst in einer Willkommensklasse und sind dann in den Regelunterricht überführt worden. Wir konnten einige Schulabschlüsse auch begleiten, zum Beispiel den BBR, die Berufsbildungsreife, und den Mittleren Schulabschluss. Zwei Jugendliche waren auf der Waldorfschule und wurden dort über die 10. Klasse hinaus unterrichtet.

Die Jugendlichen, die aus Syrien und aus Afghanistan kommen, möchten oft studieren, weil das Bildungssystem sich von dem deutschen unterscheidet. Ihre Familien nehmen oft Schulden auf, um den ältesten Sohn nach Europa zu schicken und geben ihm mit auf den Weg: Studiere, dann bekommst du einen guten Beruf. Gleichzeitig ist die Schullaufbahn stark vom Aufenthaltsstatus geprägt, der gegebenenfalls durch eine Ausbildung begünstigt werden kann. Das kann dazu führen, dass ein junger Mensch, der sehr gut lernen kann und abiturfähig ist, eine Ausbildung macht, um in Deutschland bleiben zu können. Einer unserer Jugendlichen, der sehr gut in der Schule war, wollte ursprünglich Journalismus studieren, aber jetzt wird er zum IT-Systemelektroniker ausgebildet.

Auch das Spektrum möglicher Ausbildungen ist mitunter für Geflüchtete begrenzt. Die Ausbildung muss in manchen Fällen die Lebenshaltungskosten finanzieren und darf selbst nicht kostenpflichtig sein wie zum Beispiel bei einer Ausbildung zum Erzieher. Wir haben sehr viel Zeit investiert, mit den Jugendlichen unter diesen Bedingungen Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Hierbei wurden wir von einer auf dieses Themenfeld spezialisierten Beratungsstelle unterstützt.

Was wurde aus den Jugendlichen nach dem Ende von Neufugium? Konnten Sie sie mit einem guten Gefühl in die erwachsene Selbstständigkeit entlassen?

Johanna Hess: Unsere Jugendlichen haben Nachfolgehilfen des ambulanten Wohnens in Anspruch genommen. Sie leben für eine gewisse Zeit, meist ein halbes Jahr, in einer Wohnung, die ein Träger anmietet. Dort üben sie, selbstständig zu wohnen, um anschließend in eine eigene Wohnung oder in eine Wohngemeinschaft ohne Betreuung oder nur mit stundenweiser Betreuung zu wechseln.

Viele Jugendliche haben wir mit dem Gefühl entlassen, dass es besser wäre, wenn sie noch ein bisschen mehr Zeit mit intensiverer Begleitung gehabt hätten. Ich habe mit Sorge gesehen, dass die hohen Anforderungen an geflüchtete junge Menschen ihnen so viel ihrer jugendlichen Energie nimmt. Die Jugendämter haben uns sehr gut im Rahmen ihrer Möglichkeiten unterstützt. Es bedarf aber mehr Nachdenken darüber, wie diese Jugendlichen an der Gesellschaft teilhaben können. Die Jugendlichen, die ich kennengelernt habe, wollten gern an der Gesellschaft teilnehmen, waren aber sehr damit beschäftigt, erst einmal viele Hürden zu überwinden. Mit längerer Begleitung könnten wir hier bessere Erfolge erzielen. Und dann könnten diese Menschen der Gesellschaft viel zurückgeben. Dafür bräuchten wir ein nachhaltigeres und umfassenderes Konzept für Integration, das aufzeigt, wie wir es schaffen können.

Gleichzeitig möchte ich betonen, dass die Willkommenskultur in Deutschland tatsächlich stattgefunden hat. Das haben wir auch erlebt, im Großen wie im Kleinen. Wir hatten sehr viel Unterstützung der ehrenamtlichen Helfenden und ein sehr engagiertes, hochprofessionelles Team. Deshalb konnte das Neufugium eine Erfolgsgeschichte werden.

Mehr Informationen über die Arbeit des Wohnprojekts Neufugium finden Sie hier.

 
 
 
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